Die Turnerschanze am Steinhahn in Kemtau

Die Turnerschanze in Kemtau
Die Turnerschanze in Kemtau

Nachdem auf der Geiersbergschanze ab 1930 vorläufig nicht mehr gesprungen wurde, entstand in Kemtau die Turnerschanze. Auf der Internetseite des  Sprungschanzenarchiv findet sich folgender Hinweis: Danach wurde die Turnerschanze errichtet und am 21.02.1932 eingeweiht. Dort wurde bis zu 30 Meter weit gesprungen. 

Der Standort war in einem Waldstück "Steinhahn" genannt und befand sich oberhalb der Weißbacher Str. in Kemtau.

Woher kommt der Name Turnerschanze?

Die Turnerschanzen wurden zwischen 1925 und 1933 durch den Arbeiter- Turn- und Sportbund (ATSB) errichtet. Auf dem ATSB-Bundestag 1930 wurden schon 16 Sprungschanzen als Eigentum des Bundes ausgewiesen.

Das nebenstehende Bild ist von einer Ansichtskarte. Auf deren Rückseite befindet sich ein Stempel "Turnerschanze Kemtau". Diese Schanze war also nicht auf dem Geiersberg, als Nachfolge der alten Geiersbergschanze errichtet. Der Geiersberg gehörte zu Eibenberg und war zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Kemtau eingemeindet.

Die Turnerschanzen waren gut ausgestattet und für Wettkämpfe geeignet. Gut zu erkennen sind die beiden Plattformen. Vom Turm konnte man also aus zwei unterschiedlichen Höhen starten. Geht man von der Anzahl der Treppenstufen aus, befand sich die untere Plattform ca. 8 m über dem Boden und die Gesamthöhe betrug mindestens 12 m.

Messtischkarte Burkhardtsdorf 1937 Quelle: SLUB
Messtischkarte Burkhardtsdorf 1937 Quelle: SLUB

Der nebenstehende Auszug aus einem Messtischblatt von 1937 zeigt, deutlich vermerkt, eine Sprungschanze. Stand dort die Turnerschanze? Einen Hinweis darauf erhielt ich von Herrn Jürgen Jürgen Claußner aus Eibenberg, er schrieb "Die Turnerschanze stand in Kemtau und sie war auf alten Meßtischblättern eingetragen."

Ansichtskarte mit dem Turnerheim Kemtau
Ansichtskarte mit dem Turnerheim Kemtau

Dafür spricht, dass es in Kemtau auch einen Turnerbund gab, der 1912 dem ATSB angeschossen wurde. Der Verein hatte 1921 ein Grundstück von 4 Hektar und 18 Ar in der Nähe des Kemtauer Felsens erworben (heute Weißbacher Str. 66). Hier erbauten sich die Mitglieder in Eigenleistung 1929/30 ein Turnerheim und daneben entstand der Sportplatz bzw. ein Spielgelände. Wann der Sportplatz (in obiger Karte unten rechts zu sehen) entstand, ist nicht bekannt. Es ist naheliegend, dass die Turnerschanze zwei Jahre später gleich daneben gebaut wurde.

Im Burkhardtsdorfer Amtsblatt vom September 2013 findet man einen Artikel zur Geschichte von "Rößler's Materialwirtschaft", dort heißt es: "Dieses Gebäude wurde das "Heim" genannt, weil hier schon damals ein Fremdenzimmer zu mieten war. Es logierten darin vor allem oft Wintersportler, solange bis Anfang der 1940er Jahre am „Steinhahn“ die Sprungschanze stand."

Das Gelände auf dem die Sprungschanze im Messtischblatt eingezeichnet ist, wird in Kemtau übrigens "Stäähah" genannt.

Nach dem mir lange Zeit nicht klar war wo sich die Turnerschanze und der Steinhahn wirklich befanden, kam mir Herr Hans Clauß, Ortschronist von Kemtau, mit den folgenden Bildern aus der Sammlung der Gruppe Ortsgeschichte im Heimatverein Kemtau/Eibenberg e.V. 92, zu Hilfe.

Der Bau der Schanze

Der Bau des Anlaufturmes der Turnerschanze. Der Erbauer war Baumeister Buschner aus Burkhardtsdorf.

Die fertige Turnerschanze.

Die Weihe der Schanze

Veranstaltungsplan des Turngau Chemnitz 1932
Veranstaltungsplan des Turngau Chemnitz 1932

Die große Schanzenweihe der Turnerschanze, verbunden mit einem "Schneeläufertreffen", fand am 21. Februar 1932 statt. Für Kemtau war das ein riesiges Ereignis, von überregionaler Bedeutung. Aus diesem Grund wurde die Organisation vom Turngau Chemnitzer Industriegebiet übernommen. Turngau war eine Bezeichnung für einen regionalen Dachverband örtlicher Turnvereine. Dieser Begriff wird auch heute noch benutzt, z. B. gibt es den Turngau Chemnitzer e.V. im Stadtteil Bernsdorf. Nach den üblichen Festreden, bei denen der Kemtauer Bürgermeister Gerschler seine Freude zum Ausdruck brachte, dass diese neue Sprungschanze in Kemtau gebaut wurde, konnte um 14.00 Uhr die Turnerschanze eingeweiht werden. Den Weihesprung führte ein Skispringer vom Arbeiter Turnerbund  Chemnitz-Bernsdorf namens Schierz aus. Nach dem Weggang des Chemnitzer Skiclubs vom Geiersberg im Jahre 1925 versprach sich nun Kemtau von dieser modernen Sportstätte einen touristischen und wirtschaftlichen Aufschwung. Das wintersportliche Rahmenprogramm war der Auftakt dazu.

Zeigt diese Foto die Schanzenweihe?
Zeigt diese Foto die Schanzenweihe?

Am Sonnabend vor der Schanzenweihe fiel noch etwas Neuschnee, wodurch die Bedingungen für die Wintersportveranstaltungen verhältnismäßig gut waren. Der Sonntag begann dann mit den Langläufen um 9.15 Uhr. Die Turner-Hauptklasse lief die 10 km Strecke, alle anderen Klassen und die Turnerinnen 5 km. Es war eine rege Beteiligung zu verzeichnen und die lange Strecke gewann ein Herr Körner aus Chemnitz. Beim Abfahrtslauf am Nachmittag siegte die erst 13-jährige Elfriede Güldner aus einer bekannten Chemnitzer Turner- und Schneeläuferfamilie, wie die Burkhardtsdorfer Zeitung berichtete.

Unmittelbar nach der Schanzenweihe fand das Skispringen statt. Leider war dafür die Schneelage ungenügend. Die erreichten Sprünge von 19 bis 20 Metern waren noch nicht optimal. Nach ausgiebigen Training und bei günstigeren Schneebedingungen sollten 30 m möglich sein. 

Zum Abschluss fand die Siegerehrung durch den Studienrat Dörfer statt.

An dieser ersten Sportveranstaltung an der Turnerschanze nahmen 2000 Zuschauer teil, das waren doppelt so viel, wie Kemtau damals Einwohner hatte. Für die An- und Abreise wurde die Bahnverbindung von Chemnitz durch die Burkhardtsdorfer Zeitung angepriesen: "Wettläufer benutzen die Züge 7.50 Uhr oder 8.05 Uhr ab Chemnitz Hauptbahnhof und die Zuschauer für das Springen die Züge 12.08 Uhr oder 12.43 Uhr (dieser Zug hält in Eibenberg-Kemtau!) Startnummernvergabe in der Turnhalle des Tv. Kemtau." So wurden Parkplatzprobleme vermieden.

Ein Augenzeugenbericht vom ersten Springen

So sah der Aufsatz im Original aus
So sah der Aufsatz im Original aus

Einem Kemtauer Schüler verdanken wir den folgenden Aufsatz über die Schanzenweihe und dem ersten Skispringen auf der Turnerschanze im Jahre 1932:

Die Sprungschanzenweihe

Am Sonnabend wurde bekannt gemacht, daß am Sonntag die Sprungschanze eingeweiht werden sollte. Am Sonntag früh hatten sich schon viele Menschen versammelt, weil vormittags die Langläufe abgehalten werden sollten. Weil ich aber so lange im Bett liegen geblieben bin, konnte ich mir das Rennen nicht mit ansehen. Ich erfuhr, daß das Ziel bei Uhlmanns gewesen wäre, und daß sie die Schneeschuhspitzen abgebrochen hätten. Das Springen war aber führ die Meisten das Sehenswerte.

Den Weihesprung dachte ich, darfst du aber nicht verpassen. Darum ging ich rechtzeitig hinaus. Die Leute konnten es gar nicht erwarten, bis das Springen losging. Als es vermeldet wurde, eilten über 1000 Menschen an dem Schauplatz, alle wollten es am besten sehen. Auf dem Totpunkt stand Herr Güldner als Ansager "Achtung, Achtung der Weihesprung" rief er. Und alle Leute schauten, wie der erste Sprung gelingen würde. Er war gut gelungen und nun ging ein Jubeln und ein Geklatsche los. Herr Güldner rief: "Gebt dem Springer ein dreifaches Ski-Heil". Er berichtete nochmal über das Sprachrohr die Namen der Springer. Da hörte ich, daß auch Kemtauer mit dabei wären. Das war mir sehr wichtig, wie weit die kommen würden. Der Erste aus Kemtau war Schuster, Martin, ich dachte, er wäre der schlechteste Springer. Aber da gab es noch andere die gleich raustreten mussten. Er sprang 15 Meter, andere nur 12, 10 und auch nur 9 m weit. Nun war auch noch Klaus, Kurt und Fichtner, Horst dabei. Bei denen dachte ich, sie könnten gar nicht auf so einer großen Schanze springen, weil sie's auf der Kleinen nicht mal brachten. Aber Klaus, Kurt kam sehr gut auf, aber Fichtner, Horst rutschte mit dem Gesicht die ganze Aufsprungbahn hinab. Ich dachte, das wird für ihn eine gute Erfrischung gewesen sein. Es hat aber keiner von den Kemtauern den Sieg errungen. Den weitesten Sprung hat ein Chemnitzer von dem Polizeisportverein geleistet. Dem wurde ebenfalls ein dreifaches "Ski-Heil" zugerufen. Das Springen war somit gut verlaufen, und nur einer verstauchte sich seinen Fuß. Hoffentlich schneit es nochmal richtig, daß die Schanze oft ausgenutzt werden kann.

Beurteilung des Lehrers:

Du hast fleißig gearbeitet und es ist etwas ganz Gutes dabei heraus gekommen.

Der Text wurde von der Gruppe Ortsgeschichte im Heimatverein Kemtau/Eibenberg e.V. 92 zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Ein Springen auf der Turnerschanze

Fotografiert von der Plattform der Turnerschanze
Fotografiert von der Plattform der Turnerschanze

Diese Sportveranstaltung in den 1930er Jahren wurde vom Skiclub Kemtau veranstaltet. So liest man in "550 Jahre dörfliches Leben Kemtau / Eibenberg". Weiß jemand Näheres über den Skiclub Kemtau?

Die Schanze vom Auslauf gesehen
Die Schanze vom Auslauf gesehen

Die zahlreichen Zuschauer zeigen die Bedeutung dieser Schanze.

Einsturz und Wiederaufbau

Der Turm wurde mindestens einmal durch Sturm zerstört und wieder erneuert.

Wiederaufbau des Anlaufturmes nach dem Sturm. Erkennt sich jemand wieder - oder seinen Vater/Großvater?

Der Standort der Turnerschanze heute

Die Turnerschanze wurde am richtigen Ort, aber zur falschen Zeit gebaut. Der 2. Weltkrieg beendete die Wintersportgeschichte am Steinhahn in Kemtau. Zwischen etwa 1940 bis 1945 sind die Reste zur Brennholzgewinnung genutzt wurden.