Der Ortsteil Kamerun

Ansichtskarte aus neuerer Zeit
Ansichtskarte aus neuerer Zeit

Der Ortsteil Kamerun liegt etwa zwei Kilometer von Kemtau entfernt im Zwönitztal an einer idyllischen Flußbiegung. Nicht nur der Name ist rätselhaft, auch die Geschichte der Siedlung ist interessant. Der Ortsteil war früher hauptsächlich eine Produktionsstätte und die ältesten Aufzeichnungen stammen aus Messblättern um das Jahr 1600, dort ist die Rede von „ein Brettmühl- heißt die Kemeter Mühl". Unter dem Begriff Brett- oder Schneidmühle verstand man damals ein wasserbetriebenes Sägewerk. Die fruchtbaren Ländereien rechts von der Zwönitz gehörten von Anfang an zum Felsengut. Dieses Gut war eines der größten von Kemtau und gehörte von 1529-1827 der Grundbesitzerfamilie Kreußig. Über die Brettmühle um 1600 können keine Angaben gemacht werden, da dazu jegliche Dokumente fehlen. Wie lange diese Mühle in Betrieb war ist unbekannt, aber 1774 erbauten der damalige Lehnrichter Johann Christoph Wieland und der Besitzer des Felsengutes Hans Christoph Kreyßig eine neue „Schneidmühle“. Anzunehmen ist, dass zu dieser Zeit nur ein Gebäude dort stand. Die Ära der Sägewerke in Kamerun endete 1823. 


Die Spinnereizeit

1823 erwarb Karl Friedrich Schaarschmidt, ein Spinnereibesitzer aus Dittersdorf, die Schneidmühle für 300 Thaler. Er baute sie zu einem Spinnfabrikgebäude um. Ab da war es „die Spinnmühle“. Schaarschmidt verkaufte die Fabrik an Leopold Michel, der ein Kaufmann und Spinnfabrikbesitzer aus der Aumühle Eibenberg war. Doch schon 1837 wurde das Objekt an einen Kaufmann aus Chemnitz, aus Leipzig stammend, Karl Christian Auerbach, veräußert. Auf dem Grundstück befanden sich zu dieser Zeit ein Spinnereigebäude, ein Wohnhaus und ein Seitengebäude. 6 Jahre bewirtschaftete Auerbach diesen Betrieb. Seine Erben verkauften dieses Anwesen 1843 an Karl August Lohs. Er war Mitglied im Kemtauer Gemeinderat. Zu dieser Zeit gab es in Kamerun eine „Spinnschule“. Der Kinderlehrer war Albani, der auch in der Kemtauer Schule unterrichtete. Er war sehr beliebt. 1847 starb er und Lehrer Graupner wurde als Kinderlehrer eingesetzt. In mehreren Sitzungen des Gemeinderates „kämpfte“ Karl August Lohs darum, dass Graupner die Spinnschule in der gleichen Form weiterführte. Er hatte Erfolg.

1844 brennt es in Kamerun. 1847 ging dann die Spinnfabrik an den Besitzer des „Felsengutes“, Karl Gottlieb Lohs über, der sie dann 1860 an seinen Sohn, Carl Friedrich Lohs, der auch später das väterliche Gut übernahm, verkaufte.

Ab 1864 trat ein ständiger Besitzerwechsel ein. Sicher liefen in dieser Zeit auch viele Spekulationsgeschäfte ab. 1867 brennt es bei Friedrich August Beier in der mit 2000 Spindeln betriebene Spinnerei. Damit endet erst einmal die Spinnereiphase in Kamerun.


Kamerun um 1907
Kamerun um 1907

1873 kauften die Gebrüder Kempe das Anwesen und es entstand ein Metallbetrieb daraus, offiziell "Kemtauer Fabrik" genannt. Zu dieser Zeit leitete der Volksmund den Namen „Kamerun“ ab, weil die Arbeiter so „schwarz“ aussahen, wenn sie von der Arbeit heimkamen. Eine andere Namenserklärung ist: weil der Ortsteil so weit abgelegen war wie die ehemalige Kolonie Kamerun vom damaligen Deutschen Reich.

Der spätere Besitzer, Louis Kempe, er war ein Monteur und wohnte schon 1872 als Einwohner in Kamerun, übernahm den Betrieb 1875 von seinem Vater. Er leitete ihn bis ca. 1883. Bis Schwalbe & Sohn eine Zweigstelle der Maschinenfabrik von Germania aus Chemnitz errichteten. Nach mehreren Besitzerwechseln endete 1892 die Metallverarbeitungszeit in Kamerun.

1892 richtete die Strumpffabrik Lohs und Schubert ein Zweigwerk der Strumpffabrikation ein. Sie sich „Lohs und Schubert, Mechanische-Strumpfwaren-Fabriken Dittersdorf, Weißbach, Kemtau“. 

Quelle Bildarchiv Gemeinde Burkhardtsdorf
Quelle Bildarchiv Gemeinde Burkhardtsdorf

Am 1.7.38 wurde die Produktion von Kamerun nach Dittersdorf verlegt. Ab da stand die Fabrik leer. Die nebenstehende Abbildung zeigt die Gebäude von Kamerun um das Jahr 1936.


DDR Idyll in den 1960er Jahren
DDR Idyll in den 1960er Jahren

Nach 1945 diente das Fabrikgebäude als Stützpunkt einer Maschinen-Ausleih-Station (MAS), später hieß es MTS, Maschinen-Traktoren-Station. Und schließlich nutzte es die LPG „20. Jahrestag der DDR“ als Kälberstall.

 

Von 1951 bis 1960 war ebenfalls die Wagenheberfabrik von E. Arthur Schmidt ansässig.

Brand des ehemaligen Kälberstalles 1998
Brand des ehemaligen Kälberstalles 1998

Ab 1.3.1994 erfolgte dann die Ausgliederung der Wohnsiedlung Kamerun aus der Gemeinde Amtsberg in die Gemeinde Kemtau. 

1996 wollte ein Landwirt aus Niedersachsen einen ökologischen Bauernhof errichten mit Waldklause und Zimmervermietung, mit Bäckerei, Hofcafe, Laden und Wohnungen. Doch dieser Plan ging 1998 in Flammen auf. Schulden und gesundheitliche Probleme zwangen ihn dann 2002 das Projekt aufzugeben.

August 2014
August 2014

Auch heute ist das Gebäude noch eine Ruine.

Brand 2010
Brand 2010

Jetzt ist es nur noch eine Wohnsiedlung bei der mit dem Brand im Mai 2010 zwei Wohnhäuser unbrauchbar wurden. 

 

 

August 2014
August 2014

Der Aufbau des 2010 abgebrannten Wohnhauses wurde zwar in Angriff genommen, scheint aber aufgegeben worden zu sein.

Dazu schrieb mir der Eigentümer des Hauses im September 2015:

Am 19.5.2010 brannte das Haus bis auf die Grundmauern nieder. Ursache war laut Brandermittlung Tierfraß an einer elektrischen Leitung, der bereits Wochen vor Ausbruch des Brandes zu verstecktem Schwelbrand in der Dämmung geführt hatte. Die anderen Gebäude blieben unbeschädigt. Korrigieren müssen wir Ihre Meinung, dass der Wiederaufbau des Hauses aufgegeben worden sei - ganz im Gegenteil. Leider mußten wir die uns zustehende Schadensregulierung der Versicherung vor Gericht erstreiten, erst Mitte diesen Jahres bestätigte das Oberlandesgericht Dresden in zweiter Instanz unseren Anspruch. Nun, so hoffen wir, wird in den nächsten Monaten der Bau fertiggestellt werden. Im Haus entstehen 3 Wohnungen, im Erdgeschoß ein Werkstattbereich. Das zweite Wohnhaus war bis zum Jahr 2011 vermietet und wird seitdem von uns selbst genutzt.

Im Jahr 2013 war unser Anwesen stark vom Hochwasser betroffen. Dank der Hilfe vieler Freunde konnten wir die gröbsten Schäden rasch beseitigen.

August 2014
August 2014

Das angrenzende Wohnhaus war im vorigen Jahr noch bewohnt. Heute macht es einen verlassenen Eindruck.

Dieser Eindruck täuscht jedoch!

Dazu der Eigentümer:

Der Eindruck eines „verlassenen Hofes“ mag vielleicht daran liegen, dass die letzten Jahre uns alle Kraft gekostet haben. Hinter dem scheinbar verwahrlosten Haus liegt unser Garten und der Hühnerstall.

Wer mehr dazu wissen möchte kann sich in einem Blog zum Haus informieren. Es gibt also wieder etwas Optimistisches aus Kamerun zu berichten und einen Grund mehr, wieder einmal nach Kamerun zu wandern.


Dieser Ortsteil blieb auch nicht von den Hochwassern verschont. Es ist eine ständige Plage. Aber auf alle Fälle bleibt es auf Grund der einmaligen und landschaftlich schönen Lage ein reizvolles Wanderziel.

 

Die Informationen stammen aus einem umfangreichen Artikel des Burkhardtsdorfer Amtsblatts vom Juli 2010.