Eine Fahrt mit der Postkutsche im Jahr 1750 von Leipzig nach Annaberg

Hoch auf dem gelben Wagen

sitz ich beim Schwager vorn.

Vorwärts die Rosse traben,

lustig schmettert das Horn.

Berge Täler und Auen,

leuchtendes Ährengold,

ich möcht in Ruhe gern schauen;

aber der Wagen, der rollt.

So heißt es in dem bekannten Volkslied von einer Fahrt mit der Postkutsche. Aber war so eine Fahrt wirklich so lustig? Was sah und erlebte ein Reisender, der im Jahr 1750 mit der Postkutsche von Leipzig nach Annaberg fahren musste? Ein Versuch einer Antwort:

Abfahrt in Leipzig

Nehmen wir einmal an, ein Annaberger Bürgersohn studiert in Leipzig und reist anläßlich der bevorstehenden Hochzeit seiner Schwester mit der Postkutsche nach Annaberg.

Hier ging 1750 in Leipzig die Post ab
Hier ging 1750 in Leipzig die Post ab

Im 18. Jahrhundert gab es schon viele Postlinien, die von Leipzig abgingen. Das Kursächsische Postamt befand sich von 1712 bis 1839 im Amtshaus an der Ecke Thomaskirchhof / Klostergasse gegenüber der Thomaskirche. Die Kutsche nach Annaberg fuhr zwei mal die Woche Dienstag und Sonnabend um 17 Uhr.

Neben der Regel "frühzeitiges Kommen sichert die besten Plätze" galt auch eine gute Ausrüstung als Pflicht. Als Grundausstattung eines Reisenden des 18. Jahrhunderts ist anzusehen: Regenmantel, breiter Hut, mindestens zwei Paar Schuhe oder Stiefel, Hosen, Nachtgewand und Bettzeug. In einem ledernen Gurt wurden die Dokumente sowie das Geld verwahrt. Das Wichtigste bewahrte man in der Kleidung auf. Zur damaligen Zeit trugen die Reisenden eher abgetragene Kleidung, da diese durch die Fahrt sehr strapaziert wurde. Das kostenlos erlaubte Gepäck war auf 30 - 40 Pfund beschränkt.

Auerbachs Hof um 1780 Quelle: Wikipedia
Auerbachs Hof um 1780 Quelle: Wikipedia

Vor Beginn der Fahrt sollten sich die Reisenden mit Proviant versehen. Auerbachs Hof, unweit vom Thomaskirchhof gelegen, war damals eine gute Adresse. Hier fand der Naschmarkt, nach dem der Platz heute benannt ist, statt. Für einen armen Studenten, boten die zahlreichen Marktstände Verpflegung für die lange Fahrt. Hatte der Student wohlhabende Eltern, konnte er sich im Auerbachs Keller noch eine Mahlzeit leisten. Bis 1750 wurde der Keller, der einst als Weinstube für Studenten erbaut wurde, vom Gastwirt Johann Jacob Key geführt und befand sich direkt auf dem Auerbachs Hof. Er war eine alte Gaststätte im Zentrum von Leipzig aber noch nicht so berühmt wie heute. Erst 15 Jahre später begann Johann Wolfgang Goethe sein Studium in Leipzig. Sein Aufenthalt in "Auerbachs Keller" und besonders die beiden alten Faust-Bilder inspirieren ihn zu seiner Faustdichtung, die das Lokal weltberühmt machte. 

Karte von Leipzig 1750
Karte von Leipzig 1750

Leipzig war um das Jahr 1750 noch von einer Stadtmauer umgeben, die in etwa dem heutigen Innenstadtring entsprach. Etwa 35.000 Einwohner hatte Leipzig damals innerhalb dieser Stadtmauer. Herein und hinaus kam man durch die Stadttore. Die Kutsche nach Annaberg nutzte das Peters Thor, auf der Karte rechts unten. Man fuhr dazu die Burgstraße entlang oder es ging über den Markt und die Petersstraße.

Das Peterstor und die alte Peterskirche 1750
Das Peterstor und die alte Peterskirche 1750

Die abgebildete St. Petri Kirche und das Peters Thor gibt es heute nicht mehr. Fuhr man 1750 durch das Tor, gelangte man auf eine Brücke, von der man links die Moritzbastei sehen konnte. Sie war 1750 noch eine Verteidigungsanlage, die in die Stadtmauer integriert war. Wenig später wurde sie im Siebenjährigen Krieg zerstört. Heute ist die Ruine ein Kulturzentrum.

Blickte man nach rechts sah man die Pleißenburg. Auch sie diente noch bis 1765 zur Verteidigung und wurde 1897 abgerissen. Heute steht an dieser Stelle das Neue Rathaus.

Nach der Brücke begann das offene Land.

Über Land nach Borna

Vor dem Peterstor um 1705
Vor dem Peterstor um 1705

Die Straße führte dann die heutige "Karli" entlang durch Connewitz nach Dölitz und weiter nach Markleeberg, damals alles kleine Bauerndörfer. Die Poststraße war nach heutigen Maßstab ein unbefestigter Feldweg. Eine Fahrt darauf war sicher kein Vergnügen. Der regelmäßige Postverkehr bestand in reitenden Postboten, und nur zuweilen wurden Leiterwagen mit Paketen abgefertigt. Im 18. Jahrhundert setzte sich der Typ des großen Frachtwagens, der nicht nur breitere Spur, sondern auch breitere Felgen hatte, mehr und mehr durch. Da auch die schmale Spur noch bestand, war das Fortkommen auf den meist ausgefahrenen Wegen sehr beschwerlich. Die ersten Postkutschen in Deutschland waren ungefederte Leiterwagen mit einem Korbgeflecht, das später mit einer Plane überspannt wurde. Man saß darin auf Holzbänken mit Felldecken oder einfach auf den Gepäckstücken. Vom "gelben Wagen" konnte damals noch keine Rede sein.

Über seine Eindrücke von einer Fahrt mit der Postkutschen im 18. Jahrhundert berichtet ein Herr Justizrat Johann Peter Willebrand. Quelle (7). Der Abschnitt zwischen Leipzig und Borna scheint angenehm gewesen zu sein: "[hier] ...kann man nicht ohne Entzückung, wegen unendlicher Abwechslung der Gegenstände, reisen: denn an beiden Seiten wechseln Kornfelder, Viehweiden, Fischteiche, Kirchen, Gärten, Landhäuser und Dorfschaften ab; und bald sind es Reiter, bald Carrossen oder ins Reich fahrende Frachtwagen, die einem begegnen."

Von Borna nach Chemnitz

Die Burg Gnandstein wurde auch von der Postkutsche angefahren
Die Burg Gnandstein wurde auch von der Postkutsche angefahren

Von Borna ging die Fahrt entlang der heutigen B95 weiter. Auf einer Karte von 1760 verläuft dann die Poststraße über einen Umweg an der Burg Gnandstein vorbei, die schon ein Vorposten des Erzgebirges darstellte, denn sie gehörte dem Adelsgeschlecht der Einsiedler. Sie besaßen z.B. auch die Burg Scharfenstein und Dittersdorf/Weißbach.

Weiter ging es über Penig nach Chemnitz. Während der oft eintönigen Kutschenfahrt vertrieb sich der gebildete Reisende die Zeit mit einer entsprechenden Lektüre. Im 18. Jahrhundert wurde gern über Gelesenes diskutiert oder es wurden Geschichten erzählt. Wer über seine Reise berichten wollte, trug ein Wachstäfelchen mit sich und übertrug den Text in der Herberge auf Papier.

Der schon zitierte Herr Justizrat hatte auf diesem Abschnitt andere Probleme: "Ich hatte einem Fußboten auf sein Bitten erlaubt, sich neben den Postknecht auf den Fuhrsitz zu setzen; und nun hatte mein Mitleid meiner Nase und meinen Ohren ein betrübtes Schicksal zubereitet: denn beide Kerls rauchten den ganzen Weg hindurch, das sind vier Stunden, ohne Unterlaß Tabak von unterschiedlichen Gestank, welchen noch dazu der aus Nordwest kommende Wind in eine bedeckte Chaise, mit zerrissenen Vorhängen versehen, hinein wehte."

In Chemnitz

Chemnitz 1750
Chemnitz 1750

Auch die Stadt Chemnitz hatte zur Verteidigung eine Stadtmauer mit vier Haupttoren. Die Reisenden aus Leipzig kamen am Schloßteich, Schloß und Kloster vorbei und fuhren durch das Klostertor (auf dem Bild links oben) in die Stadt. Die drei weiteren Tore waren im Uhrzeigersinn: Johannistor, Chemnitzer Tor und Nicolaitor.

Wohin fuhr die Kutsche nun? Eine festgeregelte Postanstalt gab es in Chemnitz schon im Jahre 1666, der Standort wechselte jedoch im Laufe der Zeit.

"Die Post befand sich in früheren Zeiten in einem der Siegertschen Häusern, dann im Lindwurm, sodann in dem Langeschen Hause am Niclasthor, hierauf am Klostertor dem Bär gegenüber, und von da kam sie in das Locale am Roßmarkt."  Quelle (1)

Da die Siegertschen Häuser am Markt gerade im Jahr 1741 fertiggestellt waren, befand sich die Postanstalt wohl 1750 in einem dieser Häuser. Auch was im gleichen Jahre bei einer Rast vom Postmeister oder in einem Wirtshaus an Klatsch und Tratsch erzählt wurde ist überliefert:

"Zwei Unglücksfälle erregten allgemeines Mitleiden. Der Kutscher des Herrn Dr. Garmann wurde von einem mit Steinen beladenen Schlitten erschlagen, und hinterließ eine Frau mit fünf unerzogenen Kindern. Der Badereibesitzer Adam Friedrich Weidmüller aber, ein sehr geachteter Mann, fiel am 22. Juni Abends 5 Uhr in seinem Hause am Roßmarkt von einer Leiter und mußte unter unsäglichen Schmerzen eine Stunde darauf seinen Geist aufgeben." Quelle (2)

Lange aufhalten konnten sich die Reisenden sicher nicht. Weiter ging es zum Chemnitzer Tor hinaus in die Berge.

Weiter in die Berge

Adolf Traugott von Gersdorff Quelle: Wikipedia
Adolf Traugott von Gersdorff Quelle: Wikipedia

Im Jahre 1765 bereiste Adolf Traugott von Gersdorff, Rittergutsbesitzer und Naturforscher aus der Oberlausitz, das Erzgebirge. Am 2. Mai hielt er in seinem Tagebuch die Fahrt von Chemnitz nach Annaberg fest. "Der Weg von Chemnitz bis Annaberg war wegen der häufigen Steine größtenteils sehr schlecht gewesen. Zweimal, nämlich in Altchemnitz und Burkersdorf (Ortseingangsschilder gab es noch nicht), mussten die Reisenden durch die ziemlich angeschwollene Chemnitz (einmal war es die Zwönitz), und einmal, bei Schönefeld, über die Zschopau. Anpflanzungen von Hopfen sahen sie an vielen Orten, Obstbäume aber nur wenig. Die Viehzucht schien ziemlich beträchtlich zu sein, doch fehlte es auch nicht an der Bearbeitung der Felder. Bei Harthau lagen viele Stangen auf den Feldern am Berge, von denen man sagte, daß sie zum Hopfenbau gebraucht würden. Die Umgegend von Altchemnitz zeichnete sich durch vortreffliche Wiesen aus; dort gab es auch viele lebendige Zäune. In Klaffenbach wurde einen Augenblick angehalten, und in Burkersdorf nötigte ein verlorenes Eisen zum Aufenthalte. In Gelenau, wo man zu Mittag aß, wurden die Pferde gefüttert. Im Städtchen Thum blieb der Wagen mit den Achsen an den Steinen hängen, doch verursachte dies keinen zu langen Aufenthalt.

Die Wälder bestanden meist aus Fichten. Bei Gelenau und Thum wuchs viel "Geniste" (wahrscheinlich Besenginster) und am Wege zwischen Thum und Ehrenfriedersdorf befand sich ein großes Stück Land, auf dem die Heide und das Farnkraut abgebrannt worden waren. Die beiden letztgenannten Städte schienen unserer Reisegesellschaft nur schlecht gebaute Orte zu sein. Hinter Ehrenfriedersdorf führte der Weg an einigen Pochwerken und großen Halden vorüber. (8) Die heutige Pochwerkstraße erinnert daran. Herr von Gersdorff war offenbar als Individualreisender unterwegs, so konnte er in Gelenau zu Mittag essen, was den Reisenden mit der Postkutsche nicht möglich war. Sicher ließ er seine gemietete Kutsche auch öfter anhalten, um sich umzusehen, denn er brauchte für die Strecke Chemnitz - Annaberg 10, 5 Stunden, deutlich mehr als die Postkutsche.

Burkhardtsdorf Meilenblätter von Sachsen, Freiberger Exemplar 1790
Burkhardtsdorf Meilenblätter von Sachsen, Freiberger Exemplar 1790

Im Handbuch für Reisende durch Deutschland von 1792 (3) findet sich eine Beschreibung des Weges hinter Chemnitz: "Drey Viertelstunden hinter Alt-Chemnitz kommt man auf der Straße nach Annaberg zu dem Dörfchen Hartha, wo man ehemals auf einem Flöz Steinkohlen und reiche Kupfererze grub, noch eine Viertelstunde südlicher auf Klaffenbach mit 70 Feuerstellen und einer Posthalterey, und endlich nach einer Stunde zu dem Marktflecken Burckartsdorf an der Zwönitz, mit 182 Feuerstellen und 30 Leinwebern die verschiedene Arten von Waren ohne Innungsprivilegien zu verfertigen berechtigt sind."

Die "Posthalterey" von Klaffenbach war natürlich die Bergschänke.

Burkhardtsdorf im Jahre 1793
Burkhardtsdorf im Jahre 1793

Wie der Marktflecken Burckartsdorf 1750 konkret aussah, ist schwer zu sagen. Ein realistisches Bild zeigt die nebenstehende Zeichnung aus dem Bildarchiv der Gemeinde Burkhardtsdorf.  Zu sehen ist die Ortsmitte festgehalten vom Lehrer Carl Ernst Trautzsch, aber die markantesten Häuser standen schon um 1750, dem Zeitpunkt der hier beschriebenen Postkutschfahrt. 

Die alte Kirche aus dem Jahr 1695 ist gut zu erkennen, sie wurde 1945 zerstört. Rechts daneben ist das Pfarrhaus und das kleinere Gebäude unterhalb der Kirche war die Schule. Auch die Poststraße, rechts im Bild, ist gut zu sehen. Das erste Gebäude von Burkhardtsdorf war die Apotheke, Lessingstraße 1, sie wurde schon 1725 erwähnt. Das auffällige Haus mit den zwei Torbögen ist das Gasthaus zur Sonne. Links daneben stand das Lehngericht. Das Lunzenauersche Haus, Markt 1, stand seit 1743 und beherbergte den Bader Gottlob Schneider. Ganz links unten im Bild ist die Ahner-Mühle zu erkennen. Ganz unten in der Mitte ist das ehemalige Walther-Gut abgebildet, heute befindet sich die Topfmarktscheune in den Gebäuden. Links davon, etwas weiter oben, sieht man die Häuser am Topfmarkt. 

Was es noch nicht gab, waren Brücken über die Zwönitz. Die Postkutsche musste eine Furt nutzen.

Wie die Wege danach verliefen, beschreibt ein Artikel im "Illustriertem Erzgebirgischen Sonntagsblatt (4):

Um schnell ans Ziel zu kommen, war man zu allen Zeiten darauf bedacht, den kürzesten Weg zu nehmen. So erstrebte man ursprünglich möglichst gerade und damit kurze Wege-Verbindungen, ungeachtet der Steigungs-Verhältnisse, was jedoch nicht ausschließt, daß hier und da auch Einbuchtungen und Geländeabfälle berücksichtigt wurden. Im allgemeinen aber bevorzugte man die Höhen und mied ängstlich sumpfige Gründe und Talweitungen. Die Wege schnitten die Täler daher meist senkrecht, folgten sie ihnen aber doch, zogen sie sich fast stets am Talgehänge aufwärts, die Talsohle nach Möglichkeit meidend. Die ältesten Straßen sind immer die natürlichsten, aber auch die kürzesten, wie uns die Wahrnehmung bekundet. Ein treffliches Beispiel bietet uns die alte Straße von Chemnitz über Burkhardtsdorf, Thum, Ehrenfriedersdorf und Schönfeld nach Annaberg.  Dieser Weg, der freilich hier und da in einigen Abweichungen verläuft, birgt die typischen Merkmale in sich, die alten Wegen eigentümlich sind.

So sah eine sächsische Postkutsche um 1750 aus
So sah eine sächsische Postkutsche um 1750 aus

Was die Reisenden damals durchmachen mussten, haben Kurgäste von Karlsbad dem Pfarrer von Lößnitz (5) mitgeteilt:

"Die Wege und Landstraßen bei uns sind berüchtigt und wenigstens den Gästen, welche in das Carls-Bad reisen, bekannt genug. Sie sind erstlich sehr steinicht und uneben, zum andern haben sie viel schmaler Gleis als anderswo. Deswegen müssen auch Reisende, die unser Gebirge mit eigenem Wagen durchreisen wollen, denselben auf doppeltes Gleis einrichten. Die Wege gehen über hohe Berge und durch tiefe Täler, daher die Räder oft ein- und ausgehemmt werden müssen. Sie sind meist sehr hohl und tief, welches deswegen kein Wunder ist, weil sie teils durch die Länge der Zeit sehr ausgefahren, da insonderheit wegen der Berge keine Nebenwege möglich sind. Die Fuhrleute müssen wegen des schlimmen Weges oft die Nacht unter freiem Himmel zubringen und durch vielfältige Erfahrung überzeuget werden, daß ihre angewöhnten Flüche weder die fehlende Kraft der Pferde, noch die unterirdischen Geister sich durch dieselben zur Hilfe herbeirufen lassen. Uebrigens sind unsere Wege ein gutes Mittel wider das "malum hypochondriacum". Ich glaube sicher, daß manche Carlsbader Badegäste schon ihre halbe Gesundheit durch die erschütternde Leibesbewegung erhalten, ehe sie noch das Bad brauchen. Vielleicht wäre die Wirkung noch stärker, wenn sie zuweilen eine Stunde neben ihrem Wagen hergingen und ihre zärtlichen Füße aus der gewohnten Untätigkeit setzten. Es würde dadurch der Kreislauf des Geblütes und der so nötige Schweiß gefördert; und überdies würde mancher überstiegene sauere Berg ihnen zu Hause den angenehmsten Stoff der Erinnerung und Unterhaltung geben, noch mit mehr Recht, als mancher junge Held sich rühmet, Festungen erstiegen zu haben, welche er niemals gesehen. Wegen des Ausweichens geraten die Fuhrleute gar oft in ein Handgemenge, und die Schimpfreden, damit sie bei solchen Gelegenheiten einander beehren, sollen den Herren Advokaten soviel einbringen, als sie bei Abwartung auswärtiger Termine Fuhrlohn gebrauchen. Oft wählen die Fuhrleute daher lieber die Art der Rache, welche im Interregno Mode war: Faustrecht! Ein Grundsatz bei dem Ausweichen ist dieser: Zwei Wagen haben einander auf halbem Wege auszuweichen; aber einem Holz- oder Mistwagen müssen alle Luxuswagen ausweichen."

Aber es gibt auch Gutes vom Abschnitt Chemnitz Annaberg zu berichten. Dazu wieder der Herr Justizrat: "Die halbe Tagesreise ist so erzgebirgisch als möglich, steil herauf, steil herab, aber bei dem allen in einem Lande nicht gefährlich, das sich durch die gute Beschaffenheit der erzgebirgischen Menschen von vielen platten deutschen Ländern sehr unterscheidet. 

Die ungesitteten Postknechte, die in manchem Lande sich vor jedem Kruge berauschen, und ungeahndet in ihrer besoffenen Beschaffenheit ordentliche und außerordentliche Postwagen mit Reisenden, so, als ob die Fuhre und Fracht in Gänsen und Heu bestände, umwerfen dürfen, sind hier anzutreffen; vielmehr geben diese Kerls durch ihre Posthörner bei jeder Einfahrt in hole Wege ihr Dasein zu erkennen, und sind stets aufmerksam."

Ankunft in Annaberg

Annaberg im Jahre 1750
Annaberg im Jahre 1750

Nachdem unser Student Dienstag abends 17 Uhr in Leipzig aufgebrochen war, hatte er am Mittwoch morgens ca. 9 Uhr Chemnitz erreicht und falls er die beschriebenen Strapazen überstanden hatte, um 14 oder 15 Uhr endlich auf dem Schönfelder Berg Annaberg im Blickfeld. Durch das Wolkensteiner Thor ging es in die, ebenfalls von einer Stadtmauer umgebenen, Bergstadt. Über die Wolkensteiner Straße fuhr die Kutsche zum Markt.

Der Herr Justizrat war von Annaberg sehr angetan: "Annaberg ist eine der ansehnlichsten Bergstädte, die ich je gesehen habe, ja sie ist in Betracht der feinen Häuser eine der schönsten, die ich in Sachsen kenne."

Die meisten Passagiere reisten weiter nach Karlsbad, aber unser Student aus Leipzig war am Ziel angekommen und der Hochzeit seiner Schwester stand nichts mehr im Wege.

Aus der Überlieferung einer Annaberger Hochzeitsrechnung aus dem Jahre 1750 läßt sich erahnen wie das Fest ablief (6):

"Folgende um 1750 niederschriebene Rechnung zeigt, welcher Aufwand  damals bei Hochzeiten von Bürgerstöchtern gemacht wurde und in welcher Weise unsere Väter zu solchen Gelegenheiten sich belustigten. An fünf Stellen fehlt die Angabe des Geldbetrages und die Rechnung bricht ohne Abschluß ab. Die ausgewiesenen Beträge belaufen sich auf 141 Thaler 9 gute Groschen.

R e c h n u n g

Was zu meiner Schwester Anna Dorothea Anesorgin Hochzeit ist eingekauft worden, nämlich:

1. Wilde Schweine aus Jöhstadt 14 Thlr 22 ggr
 2. Fuhrlohn dafür  - 16 ggr
3. Vier Schöpfe, lebendig  -  -
4. Zwei Schock Forellen 8 Thlr 12 ggr
5. Bier 25 Thlr  -
6. Brot und Mehl 17 Thlr 12 ggr
7. Zwei Schweine 9 Thlr  -
8. Neunzehn Stück türkisches Federvieh, zwölf Hasen, 16 Kapaunen 17 Thlr  -
9. Vier Kapaunen und drei Hennen, so mein gewesen 1 Thlr 6 ggr
10. Sechs Schinken 5 Thlr  -
11. Fünfzehn Pfund Speck 6 Thlr 14 ggr
12. Fünfzehn Gänse 6 Thlr 14 ggr
13. Die Hochzeitsküche zu pachten 1 Thlr 14 ggr
14. Den Tanzboden zu mieten  - 18 ggr
15. Gewürz  -  -
16. Tabak und Pfeifen  -  -
17. Dem Koch, Herrn Naumann, gegeben 4 Thlr 16 ggr
18. Dem Schenk 2 Thlr  -
19. Den Küchenweibern 2 Thlr 12 ggr
20. Den Schreibern für Brot und Bier  - 10 ggr
21. Holz zum Kochen und Braten 6 Thlr  -
22. Steuer, gegeben für Lebensmittel und andere Sachen 2 Thlr 10 ggr
23. Karpfen, 2 Stein 3 1/2 Pfd, und Lichte an Herrn Weiß 7 Thlr  -
24. Bier Stück Fleisch  -  -
25. Citronen 1 Thlr  -
26. Gartensachen (Gemüse) 1 Thlr  -
27. Bier Kannen Wein  -  -
28. Branntwein  -  -
29. Zwanzig Kannen Butter 1 Thlr  
30. Sechs Schock Eier 1 Thlr  
31. Essig  -  -

Für dieses rauschende Fest hat sich die Reise sicher gelohnt. Ein Vergnügen war sie wohl eher nicht.

Quellen

(1) Chemnitz, wie es war und wie es ist von E. G. Kretschmar, Chemnitz 1822

(2) Chronik der Stadt Chemnitz und Umgegend von Julius Theodor Pinther, Chemnitz 1855

(3) Handbuch für Reisende durch Deutschland von Ludewig Wilhelm Gilberts, Leipzig 1792

(4) Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt - Das Wegewesen in früherer Zeit, Dr. Albert Zehrer, Annaberg 1934

(5) Der Erzgebürgische Zuschauer von Magister Gotthelf Friedrich Oesfeld, Halle 1773/74

(6) Das Obererzgebirge und seine Hauptstadt Annaberg von Max Grohmann, Annaberg 1892

(7) Des Herrn Justizrath Johann Peter Willebrand freundschaftliche Nachrichten von einer Carlsbader Brunnenreise,  Christian Gottlob Hilscher, Leipzig 1780

(8) Traugott von Gersdorffs Reise durch das Erzgebirge im Jahre 1765, Ernst Köhler, Schwarzenberg 1896

 

Bilder: Online Lexikon Wikipedia

Karten: Deutsche Fotothek