Die Anfänge des Busverkehrs in Deutschland

1905 Eröffnung der ersten Buslinie in Baden-Baden
1905 Eröffnung der ersten Buslinie in Baden-Baden

Nach der Erfindung des Automobils gab es in der Wende zum 20. Jahrhundert erste zaghafte Versuche mit mehrsitzigen Fahrzeugen zum Personentransport. Am Montag, den 18. März 1895, frühmorgens um 6 Uhr, knatterte ein Benz-Landauer erstmals von Netphen nach Deuz, um dort um 6.25 Uhr die erste Omnibuslinie der Welt zu eröffnen. Erfolgreiche Tests in anderen Ländern, wie Bayern und Baden, veranlassten auch Bürgermeister und Unternehmer in sächsischen Städten und Gemeinden, sich um die Einrichtung von Omnibuslinien zu bemühen, damit sie nicht von der Verkehrsentwicklung abgekoppelt wurden. So nahm am 9. August 1906 die erste, regelmäßig nach Fahrplan verkehrende, sächsische Kraftomnibuslinie von Mittweida nach Limbach ihren Betrieb auf.

Am 13. August 1910 eröffnete dann die Automobilomnibus-Gesellschaft Penig–Chemnitz AG die erste Überlandbuslinie in Chemnitz. Sie begann hinter dem Alten Theater und führte über die Leipziger Straße nach Penig, wo sie auf dem Marktplatz endete.

Die Buslinie von Chemnitz nach Annaberg-Bucholz

Daimler Bus um 1912
Daimler Bus um 1912

Auch im höheren Erzgebirge regte sich der Wunsch nach Querverbindungen zwischen bestehenden Eisenbahnstrecken und Anbindungen der Gemeinden an größere Städte. Erste Probefahrten mit einem Omnibus fanden 1911 von Annaberg nach Chemnitz bzw. Oberwiesenthal statt - diese verliefen erfolgreich. Noch im gleichen Jahr erfolgte in Chemnitz die Gründung der „Erzgebirgischen Kraft-Omnibus Verkehrsgesellschaft“, kurz E.K.O.V. Am 11. Juni 1912 wurde der reguläre Betrieb der Linie Chemnitz - Burkhardtsdorf - Ehrenfriedersdorf - Geyer - Annaberg aufgenommen. Das war die Geburtsstunde der heutigen Linie 210. Die Burkhardtsdorfer Zeitung vom 12. Juni 1912 berichtete darüber:

Kraft-Omnibusverkehr der Linie Chemnitz - Ehrenfriedersdorf - Geyer - Annaberg - Buchholz. Der Betrieb ist Dienstag den 11. Juni mit 2 neuen und den beiden geliehenen Wagen, die bisher schon auf der Annaberger Strecke verkehrten, eröffnet worden. Am 17. Juni werden wiederum 2 neue Wagen in Betrieb gesetzt, so daß dann die gesamte Strecke mit neuen Wagen befahren wird. Die beiden alten Wagen bleiben alsdann in Reserve und können ev. Zu Gesellschaftsfahrten mit eingestellt werden. Am 8. Juli werden dann die letzten beiden Wagen geliefert, so daß mit diesem Tage der ganze Betrieb in Ordnung ist. Fahrpläne sind in der Geschäftsstelle dieser Zeitung zu haben.

Die allerersten Busse stammten von der "Süddeutsche Automobilfabrik Gaggenau" (SAF). Die Süddeutsche Automobilfabrik im badischen Gaggenau war ein Hersteller, der zwischen 1905 und 1910 LKW's und Busse baute. Auch das erste Feuerwehrauto Deutschlands kam 1907 aus dieser Firma. Ab 1910 gehört die SAF zu Benz und dann zu Daimler Benz.

Dann kam der erste Weltkrieg und alle Busse wurden in Truppentransporter umfunktioniert. Der Überlandbusverkehr endete am 18. August 1914.

Neuanfang nach dem ersten Weltkrieg

VOMAG P 20 f Baujahr 1920
VOMAG P 20 f Baujahr 1920

Nach Kriegsende wurde der Überlandbusverkehr verstaatlicht und die 1912 gegründete Staatliche Kraftwagenverwaltung eröffnete nach und nach Buslinien aus Chemnitz ins Umland. Eine davon war die Linie 12 nach Annaberg am 13. Juni 1920. Welche Busse zu diesem Zeitpunkt genutzt wurden, ist unbekannt. Möglicherweise kamen auch schon die ersten sächsischen Busse der Vogtländischen Maschinenfabrik AG (VOMAG) zum Einsatz. Die VOMAG wurde 1881 als Strickmaschinenfabrik gegründet, baute im ersten Weltkrieg LKW's und Rüstungsgüter und ab 1919 auch Omnibusse. Einer der ersten war der P 20 f mit 30/35 PS.

Während der Inflation musste der Verkehr schon wieder deutlich eingeschränkt werden. Die Linie 12 wurde zusammen mit den übrigen Linien am 5. November 1922 wieder eingestellt.

Die 20er Jahre

Büssing VI GLn
Büssing VI GLn

Noch während der Inflationszeit war am 23. Dezember 1919 die Kraftverkehrsgesellschaft (KVG) Freistaat Sachsen gegründet worden, die am 1. Januar 1923 die Betriebsführung des Kraftverkehrs übernahm, der jedoch weiterhin ruhte. Nach dem Ende der Inflation wurden ab 1924 wieder Überlandbuslinien eingerichtet, darunter auch die Linie Chemnitz - Annaberg am 12. Juli 1924. Zum Einsatz kamen , neben den VOMAG Bussen, auch Busse der Heinrich Büssing Automobilwerke AG in Braunschweig. Um auch im Winter die schwierigen Strecken im Erzgebirge befahren zu können, wurden Dreiachser eingesetzt z.B. der Büssing VI GLn aus den späten 20er Jahren. Aber auch VOMAG hatte leistungsfähige dreiachsige Busse im Angebot z.B. dem VOMAG OM 57.

Anfang 1929 wurden die dreistelligen Liniennummern eingeführt und die Linie Chemnitz - Annaberg erhielt die Nummer 210.

Die 30er und 40er Jahre

Büssing-NAG 80 N F Do „Fichtelberg" auf Probefahrt 1934
Büssing-NAG 80 N F Do „Fichtelberg" auf Probefahrt 1934

In den 1930er Jahren wurden zahlreiche Linien im oberen Erzgebirge eröffnet und der Wagenpark mit den technisch neuesten Fahrzeugen ständig aufgestockt. Die KVG entwickelte in dieser Zeit ihren legendären Ruf als fortschrittlichster, zuverlässigster und größter Kraftverkehrsbetrieb Deutschlands. Das Liniennetz war nahezu flächendeckend, die Fahrpläne durchdacht und bedarfsgerecht, die Fahrzeuge modern und leistungsstark. Nach den KVG-Bussen konnte man sprichwörtlich die Uhr stellen. Der Omnibus war zum Massenverkehrsmittel geworden, man fuhr mit ihm zur Arbeit, zum Einkaufen und zur Erholung.

Mit der Einverleibung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich 1938 verlängerte die KVG einige Linien über den Erzgebirgskamm ins Böhmische. So wurde die erfolgreiche Strecke Dresden - Annaberg ab 1938 über Oberwiesenthal bis nach Karlsbad befahren.

Auf diesen Strecken wurde dann auch der stärkste Bus seiner Zeit, der Büssing-NAG 80 N F Do genannt „Fichtelberg" oder "Langer Sachse", eingesetzt. Der speziell für die Sächsische KVG entwickelte Bus hatte nicht nur zwei Motoren mit zusammen 320 PS, sondern auch zwei getrennte Antriebsstränge. Es war also im Flachland auch möglich, mit nur einem Motor und nur einer angetriebenen Achse zu fahren. Im Gebirge war er gewiss unschlagbar. 

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 mussten erneut Streckenführungen gekürzt oder eingestellt werden, Fahrzeuge und Fahrer wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Spätestens im April 1945 mussten alle Linien aufgrund der Kriegsereignisse eingestellt werden.Noch vorhandene Fahrzeuge und auch Betriebsgebäude lagen vielerorts in Schutt und Asche.


Neubeginn nach 1945 und DDR-Zeit

Ikarus 66 von 1972
Ikarus 66 von 1972

Die Kraftverkehrs-Gesellschaft verfügte nach Ende des Krieges noch über 144 der 538 Busse und 45 der 86 Anhänger. Am 9. Juli 1945 verkehrte mit der Linie 200 nach Leukersdorf im Berufsverkehr der erste Überlandbus nach Kriegsende. Bis 1946 waren die meisten Vorkriegslinien wieder in Betrieb.  Allerdings ließ der Mangel an Kraftstoffen, Ersatzteilen und Reifen kein regelmäßiges Befahren zu. Die gesellschaftlichen Entwicklungen nach 1945 brachten auch im Omnibusverkehr neue Tendenzen. Zunächst entstand als Nachfolger der Kraftverkehrsgesellschaft die Vereinigung volkseigener Betriebe (VVB) Land Sachsen.

Mit der Entstehung der Bezirke Dresden, Leipzig und Chemnitz (ab 1953 Karl-Marx-Stadt) wurden aus den Betriebsleitungen bezirklich geleitete volkseigene Kraftverkehrsbetriebe. Somit lag der gesamte Omnibuslinienverkehr in staatlicher Hand, die Vergabe von Konzessionen für private Betreiber war nahezu ausgeschlossen.

Mit dem Fahrplanwechsel am 3. Juni 1956 kam ein neues Liniensystem zur Anwendung und die Linie Karl-Marx-Stadt - Annaberg-Buchholz bis Oberwiesenthal erweitert. 

Zu DDR-Zeiten fuhren natürlich die ungarischen Ikarus Busse auf allen Linien des Ost-Blocks.

Heute

Heute gehört die Buslinie 210 von Chemnitz über Annaberg-Buchholz nach Oberwiesenthal zum Regionalverkehr Erzgebirge GmbH (RVE).