Die alten Postsäulen in und um Burkhardtsdorf

Die alte Postmeilensäule in Burkhardtsdorf kennt sicher jeder und auch die kleineren Säulen in Klaffenbach und an der Besenschänke sind bekannt. Beschäftigt man sich jedoch intensiver mit den Inschriften der Säulen, kommen Zweifel auf, ob die Säulen am historisch richtigen Ort stehen. Und wo verlief die Poststraße durch Klaffenbach, Burkhardtsdorf und Gelenau?

Die Entfernungsangaben auf den Postsäulen

Sachsen, Postmeilensäulen, Kupferstich, 1726 Quelle: Deutsche Fotothek
Sachsen, Postmeilensäulen, Kupferstich, 1726 Quelle: Deutsche Fotothek

Der wichtigste Teil der Postsäule ist der Schriftblock. In der Zeit um 1730 war das für den damaligen Verkehr etwas völlig Neues. Auf der linken Seite steht ein Ortsname und rechts daneben befindet sich eine Zahl mit der Angabe "St", was zwar Stunde bedeutet, aber eigentlich eine Entfernungsangabe war. Eine kursächsische Postmeile entsprach damals 2000 Dresdener Ruten (á 4,53 m). Diese Strecke legte ein Fuhrmann, der neben seinem Gespann herlief, in 2 Stunden zurück. Daraus folgt die Entfernungsangabe für eine "St." gleich 4530 m. 

Bei der Aufstellung der Säulen wurde festgelegt, dass direkt vor den Toren der Stadt eine große Distanzsäule, alle Viertelmeilen eine Viertelmeilensäule, alle halben Meilen eine Halbmeilensäule und alle Meilen eine Ganzmeilensäule errichtet werden musste. Die Viertelmeilensäulen hatten keinen Schriftblock mit Entfernungsangaben.

 

Kursächsische Längenmaße

1 Dresdner Rute = 4,531 Meter

1 Postmeile (M)  = 9,062 km

1/2 Postmeile = 1 Wegstunde (St.) = 4,531 Kilometer

1/4 Postmeile = 2,265 Kilometer

 

Die Burkhardtsdorfer Säule

Burkhardtsdorfer Ganzmeilensäule
Burkhardtsdorfer Ganzmeilensäule

Die Burkhardtsdorfer Postmeilensäule mit der Nr. 40 stand zunächst in der Nähe des Beginns der Alten Poststraße. Wie der Ortschronik von Engelbert Uhlig zu entnehmen ist, wurde der Standort der Säule mehrmals verändert: Von der Alten Poststraße zur Lessingschule, von dort in den Garten der ehemaligen Gaststätte „Felsenkeller" von da vor das Haus Lunzenauer und letztlich gegenüber der Apotheke vor der Bäckerei Voigt. Die angegebenen Standorte liegen alle dicht beieinander, aber war auch der ursprüngliche Standort mitten im Ort? Die Burkhardtsdorfer Säule trägt die Inschriften:

Claffenbach - St. 3/8  (1,7 km)

Chemnitz 2 St. 1/2     (11,3 km)

Thum 1 St. 7/8            (8,5 km)

Ehrenfr. Dorff 2 St.      (9,1 km)

Annaberg 5 St.             (22,7 km)

Die Angabe Claffenbach bezieht sich auf die dortige 1/4 Meilensäule gegenüber dem Rathaus und würde bedeuten, dass die Poststraße nicht der heutigen B95 folgte, sondern durch Klaffenbach nach Chemnitz bis zur damaligen Stadtmauer führte und am Nikolaitor endete. Das kann so jedoch nicht stimmen, da die Entfernungsangaben auf der Burkhardtsdorfer Säule falsch wären.

 

Der Klaffenbacher Viertelmeilenstein

Klaffenbach Einmündung Rödelwaldstraße
Klaffenbach Einmündung Rödelwaldstraße

Der Klaffenbacher 1/4 Meilenstein mit der Nr. 39 steht heute mitten im Ort und hat, wie alle 1/4 Meilensteine, keine Entfernungsangabe. Die auf der Burkhardtsdorfer Säule angegebene Entfernung nach Klaffenbach beträgt eine 3/8 Stunde, das bedeutet 1,7 km und ist eindeutig zu kurz bis zum heutigen Standort der Klaffenbacher Säule Nr. 39. Die beiden Säulen liegen schon 3,2 km Luftlinie auseinander und kann so nicht stimmen.

Nun teilte mir ein aufmerksamer Klaffenbacher mit, dass die frühere Wegeführung im Oberdorf von Klaffenbach etwas anders verlief als jetzt. Der Hauptfahrweg ging nicht bei dem letzten Gut hoch zur Annaberger Straße, sondern schon zwei Güter eher. Dadurch mündete der Weg nicht gegenüber der Straße nach Berbisdorf, sondern viel näher an der ehemaligen Bergschänke. Stand die Klaffenbacher Postsäule vielleicht an dieser Einmündung? Die Entfernung zur Burkhardtsdorfer Säule beträgt heute jedenfalls exakt 1,7 km! Ein weiteres Argument gegen den heutigen Standort der Klaffenbacher Säule an der Einmündung der Rödelwaldstraße ist, dass es diese Straße zur Postkutschenzeit noch gar nicht gab - sie wurde erst in den 1920er Jahren angelegt.

Die ehemalige Bergschänke ist nach den alten Ortschroniken auch Poststation gewesen und für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Wirt definitiv auch der Posthalter des Ortes. Außerdem ist für das 19. Jahrhundert auch das Vorhandensein einer Schmiede in der Bergschänke nachgewiesen. 

Alte Karte mit Bergschänke
Alte Karte mit Bergschänke

Weitere Hinweise zur Klärung des Rätsels erhielt ich von einer freundlichen Burkhardtsdorfer Ortschronistin. Sie sandte mir die nebenstehende alte Karte mit dem grün gekennzeichneten Verlauf der Poststraße und einem Meilenstein kurz vor der ehemaligen Bergschänke. Dazu gibt es noch einen Nachtrag von Engelbert Uhlig zu seiner Ortschronik bezüglich des Klaffenbacher Viertelmeilensteins. Er schrieb dazu:

"Der Fachliteratur ist zu entnehmen:

- An der einstigen Gaststätte “Bergschenke” Klaffenbach soll ein Viertelmeilenstein gestanden haben. In einer Archivurkunde steht: “uf der Claffenbacher Höhe bey  Annen Marien Bachmannin Guthe”, also an der Chemnitz-Annaberger-Poststraße. Der Stein soll später vor das Rathaus Klaffenbach verbracht worden sein." 

Welche Fachliteratur Herr Uhlig hier gewälzt hat, ist leider nicht festgehalten.

Die ehemalige Bergschänke heute
Die ehemalige Bergschänke heute

Zur "Bachmannin" schrieb der schon erwähnte aufmerksame Klaffenbacher:

"Was die Anna Maria Bachmann betrifft: Es muß sich hierbei um die in Klaffenbach weit verzweigte Familie Bochmann handeln. Mit der Bergschänke hat das erst einmal nichts zu tun, höchstwahrscheinlich aber mit dem Gut, von dessen Grund die Bergschänke Ende des 17. Jahrhunderts auf Geheiß der Rittergutsherrschaft abgeteilt wurde. Der Heimatforscher Otto Max Schüppel nennt hierfür die Jahreszahl 1671. Die Besitzer der Bergschänke zwischen Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts hießen jedenfalls Friedrich.

Das in Frage kommende Bauerngut Klaffenbacher Hauptstr. 161 befindet sich genau westlich der Bergschänke und ist bei alteingesessenen Klaffenbachern als "der obere Rees" bekannt - nach dem ehemaligen Besitzer Andreas Bochmann, der das Gut 1719 übernommen hat. Mitte des 18. Jahrhunderts war dann das "Reesen"-Gut tatsächlich im Besitz einer Witwe Bochmann. Der Gutsgrund hat sich über die Annaberger Straße hinaus bis an die Flurgrenze von Klaffenbach erstreckt. Der Stein steht ja laut Karte nicht direkt an der Bergschänke, sondern ein wenig in Richtung Burkhardtsdorf, also befand er sich wahrscheinlich auch nach Abtrennung der Bergschänke noch auf dem Grund des oben genannten Bauerngutes."

Kupferstich von 1760
Kupferstich von 1760

Zusammenfassend kommt man zu der Feststellung, dass der heutige Standort des Viertelmeilensteins willkürlich festgelegt wurde und er ursprünglich an der heutigen B95 vor der ehemaligen Bergschänke stand. Somit ergibt sich auch der zu erwartende Verlauf der alten Poststraße über die heutige B95. Das bestätigt auch die "Karte der Schönburgischen Herrschaften" von 1760. Sie zeigt, dass keine Poststraße durch Klaffenbach verlief. Das eingezeichnete Posthorn bei Claffenbach bezeichnet eine Poststation, die wohl die zu Klaffenbach gehörige Bergschänke meint.


Chemnitz 1761 Quelle: Deutsche Fotothek
Chemnitz 1761 Quelle: Deutsche Fotothek

Die Entfernungsangabe für Chemnitz auf entspricht 11,3 km. Die Strecke von der Postsäule in Burkhardtsdorf, die Lessingstraße hinauf und die Annaberger Straße bis zur Einmündung in die Bahnhofstraße in Chemnitz, also bis zum ehemaligen Chemnitzer Tor (Ende der grün markierten Poststraße), beträgt heute 12,2 km. Benutzt man am Harthauer Berg nicht die heutige Serpentine, sondern kürzt auf direktem Weg ab, stimmt die Entfernung exakt - allerdings führt dieser Weg nicht durch Klaffenbach.

Die Halbmeilensäule an der Besenschänke

Halbmeilensäule an der Besenschänke
Halbmeilensäule an der Besenschänke

Auch die Säule oberhalb der Besenschänke enthält zweifelhafte Angaben:

Claffenbach 1 St. 3/8

Chemnitz 3 St. 1/2

Thum - St. 7/8

Ehrenfr. Dorff 1 St. 7/8

Annaberg 4 St.

Das würde bedeuten, dass die Entfernung von dieser Säule bis zum Markt in Burkhardtsdorf 1 St. und somit 4,5 km beträgt. Der Verlauf der Straße über die heutige "Alte Poststraße" und über den Weg "An der alten Poststraße" durch den Abtwald zur Besenschänke und dann zur Postsäule beträgt jedoch nur 2,6 km. Es kommt die Frage auf, ist das der richtige Standort und wo war die Säule mit der Nr. 41? Diese wäre eine Viertelmeilensäule gewesen und somit 1/2 St. (2,3 km) von der Burkhardtsdorfer Säule entfernt. Das hieße, sie stand unterhalb der Besenschänke, was durchaus Sinn macht. Die im Abtwald gefundene Halbmeilensäule gehört demnach ca 2.3 km weiter von der Besenschänke die B95 hinauf. Der Standort dieser Säule wäre etwa Fritz-Reuter-Str. 11 in Gelenau gewesen. Auch dieses Haus liegt am Rand vom Abtwald und dort könnte sich auch ein Abzweig nach Gelenau befunden haben. Soweit die erste Vermutung zum eigentlichen Standort.

Freiberger Exemplar der sächsischen Meilenblätter
Freiberger Exemplar der sächsischen Meilenblätter

An diesem Punkt kam mir wieder die Burkhardtsdorfer Ortschronistin zu Hilfe. Sie fand in der deutschen Fotothek die Meilenblätter von Sachsen die das Ergebnis der von 1780 bis 1806 durchgeführten topographischen Landesaufnahme von Sachsen darstellen. Dort waren zahlreiche Meilensteine verzeichnet. Der hier eingetragene Stein dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit der Halbmeilenstein Nr. 42 sein, der fälschlicherweise oberhalb der Besenschänke aufgestellt wurde. Er stand demnach am Anzweig der heutigen Willy-Poller-Straße. Die Entfernung zur Postmeilensäule in Burkhardtsdorf beträgt 4,38 und entspricht somit ca. 1/2 Postmeile.

Der Viertelmeilenstein Nr. 41

Viertelmeilenstein in Burkhardtsdorf
Viertelmeilenstein in Burkhardtsdorf

Nun fehlt nur noch der Standort des fehlenden Meilensteins Nr. 41. Auch dieser ist in den Meilenblättern von Sachsen eingezeichnet. Er befand sich "An der alten Poststraße" in der sogenannten Huhle. Die Entfernung zur Burkhardtsdorfer Säule entspricht knapp einer 1/4 Postmeile.

Vielleicht findet sich dieser Stein noch in der Nähe des alten Standortes, verborgen unter Moos und Gras.

Hier muss die fehlende Säule gestanden haben
Hier muss die fehlende Säule gestanden haben

Die Poststraße führte meist auf den auch heute noch genutzten Straßen entlang. Das trifft nicht auf den Abschnitt zwischen der Burkhardtsdorfer Postmeilensäule und der heutigen B95 zu. Geht man von Burkhardtsdorf kommend am Wassertretbecken, oberhalb des Eckhardtsteiches,  vorbei, trifft man wieder auf die alte Poststraße. Herr Frank Müller aus Klaffenbach hat sich vor Ort umgesehen: Nach der Brücke über den Bach kommt nach etwa 200 m eine Wegegabelung kurz vor einer Raststelle. Die Poststraße geht ab hier halb links steil den Berg hoch. Der rechte Weg führt zum Tisch'l . An genau dieser Gabelung kommt von links gemäß dem Meilenblatt ein kleiner Bach herunter, heute noch an einer Senke erkennbar. Nach weiteren vielleicht 200 m lichtet sich der Wald und rechts in der Wiese ist eine Senke mit dunklem Riedgras erkennbar, wo im Meilenblatt ein weiterer Bach eingezeichnet ist. In der Nähe dieser Stelle stand einst der gesuchte Stein. Außerdem zweigt hier ein Weg nach rechts ab, während die Poststraße ab hier in den Fichtenwald hineinführt. In diesem letzten Teil läuft links neben dem Weg parallel ein Graben, der der Rest eines früheren Hohlwegs sein könnte. Dieser ist bis zur Einmündung in die B95 sichtbar.


Ergänzung zur Säule Nr. 40

Stand hier die Burkhardtsdorfer Säule?
Stand hier die Burkhardtsdorfer Säule?

Auf dem gleichen Meilenblatt von Sachsen findet man eine weitere Postmeilensäule oberhalb von Burkhardtsdorf. Ist das der Originalstandort der Ganzmeilensäule Nr. 40? Das wäre etwa dort, wo heute die Kreuzung Lessingstraße/Niclasberg ist.


Mit den folgenden offenen Fragen habe ich mich an die Forschungsgruppe Kursächsische Postmeilensäulen e.V. gewandt: 

  1. Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Säulen aufgestellt? Hatten die Distanzen Viertel-, Halb- und Ganzmeilen Vorrang oder standen sie wie heute an markanten Punkten in Ortschaften oder Abzweigungen?
  2. Worauf bezogen sich die Entfernungsangaben? Auf die Postsäule im Ort oder, wie man heute Entfernungen angibt, auf die Ortsmitte.
  3. Befand sich ein Ort nicht direkt auf der Poststraße, war dann die Entfernung bis zum Abzeig zu diesem Ort angegeben?

und Antwort erhalten:

Zu 1.) Die Kursächsischen Postmeilensäulen wurden an den von Leipzig und Dresden bzw. im Einzelfall auch anderen Städten aus fortlaufend nummeriert an den vermessenen Poststraßen im Abstand von einer Viertelmeile auf Kosten der Städte bzw. Ämter in Form von Viertelmeilensteinen ohne Entfernungsangaben und Halb- sowie Ganzmeilensäulen mit Entfernungsangaben in Wegstunden (St.) zur nächsten Poststation und/oder Stadt aufgestellt. Unabhängig davon wurden alle Städte angewiesen, ob an einer Poststraße gelegen oder nicht, vor jedes Stadttor bzw. später zumindest am Verkehrsknotenpunkt in der Stadt (z.B. Markt) eine Postdistanzsäule zu errichten, mit Entfernungsangaben zu Poststationen und Städten im Zuge der von der Stadt aus genutzten Post- und/oder Hauptstraßen i.d.R. bis zur Landesgrenze oder Fernziel ) wie z.B. Nürnberg, Prag, Breslau, Berlin etc.).

Zu 2.) Die Entfernungsangaben beziehen sich auf die Distanz i.d.R. bis zur Poststation oder dem Posthaus in der Stadt, vereinzelt auch das Stadttor.

Zu 3.) Orte Abseits der Poststraßen wurden am Abzweig mit den hölzernen Armsäulen ausgeschildert, die man nach der Verordnung von 1820 in Sachsen nach und nach durch steinernen Wegweisersäulen ersetzte. 

 

Nach Einführung der neuen Meilenlänge von 7,5 km 1840 wurde die Poststraßen ab 1858 neu vermessen und 1859-66 ein neues System von Meilensteinen auf Staatskosten errichtet, was nach der ersten öffentlichen Ausschreibung ein Steinmetzbetrieb mit Subunternehmern durchführte: die königlich-sächsischen Meilensteine als Stations-, Halb-, Ganz-, Abzeig- und Grenzübergangssteine. Diese wurden jedoch schon um 1900 oft zu Kilometer- oder Straßenunterhaltungssteinen o.ä. umfunktioniert.


Die alte Poststraße von Chemnitz nach Annaberg

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Abschließend möchte ich mich bei der "freundlichen Burkhardtsdorfer Ortschronistin", Frau Martina Hünlein, und beim "aufmerksamen Klaffenbacher", Herrn Frank Müller, für die Unterstützung bei der Erstellung dieses Beitrags bedanken.