Die Bahnhofswirtschaft - Am Auenberg 8

Ansichtskarte von 1916
Ansichtskarte von 1916

Als einst die Bahnlinien in Betrieb gingen, erhielt jeder größere Ort einen ordentlichen Bahnhof. So auch Burkhardtsdorf. Die Älteren wissen sicher noch, wie das früher so war. Man kam zu einer

großen Eingangstür herein und befand sich im Wartesaal. Der hatte einen schwarz-weiß im Schachbrettmuster gefliesten Fußboden und zwei, vielleicht auch drei Holzbänke für die Wartenden. An einer Wand befand sich ein Glaskasten mit dem Fahrplan und an einer anderen eine verschlossene, breite Luke, das war die Gepäckannahme. Gleich daneben stand ein großes, schwarz-goldenes Gerät mit einem Zeiger hinter einer Glasscheibe - eine Personenwaage, was für ein Service. Das Wichtigste war jedoch der Fahrkartenschalter mit einem richtigen, uniformierten Beamten, der die aus dicker Pappe bestehenden Fahrkarten verkaufte. Hatte man die, konnte man hinaus auf den Bahnsteig. 

Das hört sich alles gut und schön an, war es auch im Sommer. Sobald es jedoch regnete, war der schöne Fußboden völlig verdreckt und im Winter war es im Wartesaal lausig kalt…

Aber da war noch eine Tür. Darüber stand Bahnhofsgaststätte, oder sogar Bahnhofsrestaurant. Das verhieß eine warme Gaststube und Speis und Trank. 

Auch dem Gastwirt, der solch ein Lokal übernahm, versprach es Tag für Tag ein gutes Einkommen. Schließlich kamen die potentiellen Gäste in Scharen von ganz allein zum Bahnhof. Hatte nun ein Zug Verspätung oder hatte ein Fahrgast seinen Zug verpasst, ging er doch ganz sicher in seine Gaststätte. Und kam abends jemand nach einem harten Arbeitstag aus der Stadt zurück, ging er doch gern vor dem Heimweg noch "auf ein Bier" in die Bahnhofsgaststätte.

Dazu durfte der Wirt, was in anderen Lokalen verpönt war, seinen Gästen die Wartezeit mit dem Verleih von Spielkarten für Skat und Doppelkopf verkürzen. Auch Knobelbecher mit Würfeln und einem Block und Bleistift konnten die Gäste haben. Durch solche Turniere, wie in der Werbung angekündigt, sollten mehr Gäste in das Lokal gelockt werden.

 

Das Bahnhofsgebäude mit dem ehemaligen Bahnhofsrestaurant im Erdgeschoß
Das Bahnhofsgebäude mit dem ehemaligen Bahnhofsrestaurant im Erdgeschoß

Bahnhofsrestaurants gibt es heute nicht mehr. Die Gebäude stehen leer, wie in Burkhardtsdorf, oder sind schon lange abgerissen. Dafür gibt es viele Gründe. 

Hatte z.B. mal ein Zug Verspätung und die Fahrgäste kamen in die Bahnhofsgaststätte, hatten sie schlechte Laune und nicht viel Zeit. Da ließ man sich nicht nieder, sondern trank ein Bier oder eine Fassbrause gleich am Tresen. Der Zug konnte ja gleich kommen. Wer seinen Zug verpasste, der erwartete auch nicht ein 3-Gänge-Menü vorgesetzt zu bekommen. Ein Teller mit einer Bockwurst, einer Scheibe Brot und einem Klecks Senf tat es auch. Davon konnte der Wirt nur schlecht und recht leben. Hatte der Wirt noch eine Frau, konnte sie zwar für die Abendgäste die Speisekarte mit selbst gemachten Kartoffelsalat zur Bockwurst und einer Ochsenschwanzsuppe noch etwas aufpeppen, aber auch damit ließ sich nicht verdienen. Stand dann irgendwann eine Reparatur oder gar eine Renovierung an, wurde aus Geldmangel meist aufgegeben. Die Pächter bzw. Wirte wechselten häufig und es gab lange Leerstandszeiten. Letztendlich blieb das Bahnhofsrestaurant für immer geschlossen.

Ach ja, eine weiteren Grund für das Sterben der Bahnhofsrestaurants gab es noch über den ich lieber den Mantel des Schweigens decken möchte - die Bahnhofstoiletten…