Der letzte Lehnrichter von Kemtau

Das ehemalige Lehngut 1017
Das ehemalige Lehngut 1017

Hoch oben im Kemtauer Oberdorf stand seit Jahrhunderten das Lehngut, eines der größten und wichtigsten Bauerngüter und das Lehngericht von Kemtau. Hier lebten 200 Jahre lang die Wielands und vererbten in 8 Generationen das Amt des Lehnrichters. Der Letzte von ihnen war Adolph Ferdinand Wieland. Er wurde im Jahre 1835 Lehnrichter, einer Zeit in der in Deutschland und Europa große Veränderungen stattfanden. Die technische Revolution war in vollem Gange und nach Napoleons Feldzügen war Frieden eingekehrt. Die Zeichen standen auf Neuanfang. Straßen wurden gebaut, neue Maschinen erfunden und die Eisenbahn warf ihre Schatten voraus. Es war eine "wilde Zeit" und Glücksritter, Erfinder und Spekulanten versuchten ihr Glück, für Bauern gab es da nicht viel zu holen.

Adolph Ferdinand Wieland erbt sein Amt

Adolph Ferdinand war gerade 23 Jahre alt und ledig als er das Amt des Lehnrichters von seinem Vater Johann Adolph Wieland, noch zu dessen Lebzeiten, erbte. Zum Erbe gehörte nur das Amt und diverse Privilegien, wie das Brau- und Schankrecht, nicht aber das Lehngut und das Lehngericht. Dafür gab es noch andere Erben und Adolph Ferdinand musste beide Besitztümer vom Vater abkaufen. Dieser war 40 Jahre lang ein sehr angesehener und erfolgreicher Lehnrichter. Ihm verdankt Kemtau die Häuser am Hang und somit eine erste große Dorferweiterung. Das Gut war in sehr gutem Zustand und Adolph Ferdinand musste die stolze Summe von 10.000 Talern aufbringen um das Lehngut und Gericht zu kaufen. Dazu kamen noch zahlreiche Forderungen seines Vaters für dessen anspruchsvollen Lebensunterhalt zu sorgen:

- Der Vater durfte sich ein junges Schwein anschaffen, dass der Sohn mästet, bis es 5 Stein schwer ist (ca. 33 kg)

- Jedesmal zu Pfingsten bekam der Vater 9 Pfund Rindfleisch (ca. 42 kg)

- Den vierte Teil von allen geernteten Ost erhielt der Vater

- Ebenso ein halbes Pfund Wurst von jedem geschlachteten Schwein

- Wöchentlich ein 6-Pfundbrot und eine Kanne Butter

- Täglich eine Kanne Milch und eine halbe Kanne guten Rahm

- Alle 14 Tage eine viertel Tonne Bier

- Der Sohn hat dem Vater jederzeit einen Wagen mit Pferden und Kutscher zur Verfügung zu stellen um damit in die Kirche, zu seinen Kindern, seinen Bekannten und wohin er will, zu fahren

So war das wohl damals üblich und Adolph Ferdinand Wielands Vorgängern im Amt ging es ebenso. Das Geld, das sie dazu geliehen hatten, konnten alle wieder abzahlen. 

Nach 1835 waren die Bedingungen allerdings anders, es zogen dunkle Wolken auf über dem Oberdorf.

Vier Jahre als Lehnrichter

Die Landgemeindeordnung von 1838 trat im Mai 1839 in Kraft
Die Landgemeindeordnung von 1838 trat im Mai 1839 in Kraft

Zunächst lief jedoch alles nach Plan. Ein Jahr nach Amtsantritt heiratete Adolph Ferdinand die ein Jahr jüngere Auguste Friedericke Uhlmann. Sie war die Tochter des Erb- und Lehnrichters von Dorfchemnitz. Wieder ein Jahr später wurde der Lehngerichtsbesitzer Wieland offiziell vereidigt und somit in seinem Amt mit allen Pflichten und Rechten bestätigt. 

Damit sollte es jedoch schon bald vorbei sein. Ende 1838, also wieder ein Jahr später, wurde in Sachsen die Landgemeindeordnung erlassen und damit das Ende der Epoche der Lehnrichter eingeläutet. Nun wurde von allen männlichen Einwohnern ein Gemeinderat gewählt, der dann wiederum einen Gemeindevorsteher bestimmte. Zum Glück für Adolph Friedrich enthielt diese neue Verordnung auch folgenden Satz: "Übrigens sind die Erb- und Erblehnrichter zu Gemeindeämtern, wie sie Landgemeindeordnung vorschreibt, wieder wählbar, da sie als Gemeindeglieder zu betrachten sind". (2) So geschah es auch in Kemtau. Adolph Ferdinand Wieland wurde vom neuen Gemeinderat, dem die Gemeinderäte Karl Gottlob Viertel, Johann Samuel Nietzold, Carl Friedrich Uhlig, Karl Christoph Rösler, Johann Gottlieb Köhler angehörten, zum Gemeindevorsteher bestimmt. Auch die Polizeigewalt blieb zunächst in seiner Hand. Was allerdings wegfiel waren Privilegien, damals "Gerechtigkeiten" genannt, die nichts mit dem Amt des Gemeindevorstehers zu tun hatten. Das betraf das alleinige Recht zu Brauen, die Schankgerechtigkeit, Beherbergen, Musik und Tanz abzuhalten sowie die Befugnis zum Branntweinbrennen. Dennoch blieb ihm sein Bauerngut und das Lehngerichtsgebäude als sein privater Besitz.

Der Gemeindevorsteher Wieland

Das ehemalige Lehngut 2014 ohne Lehngerichsgebäude
Das ehemalige Lehngut 2014 ohne Lehngerichsgebäude

Nach dem Wegfall seiner alten Einnahmen trat Adolph Ferdinand die Flucht nach vorn an. Er begann 1840 mit Gebäuden und Grundstücken zu spekulieren. Als erstes kaufte er ein Haus in der heutigen Gelenauer Straße 24 für 500 Taler und ließ auf dem Grundstück den Gasthof Kemtau errichten. Nach der Fertigstellung 1841 verkaufte er das Gebäude an seine Frau Auguste Friedericke. Auch die anderen Bauerngüter im Kemtauer Oberdorf waren Objekte seiner Spekulationen. Den Kunz'schen Bauernhof, der gleich neben seinem Gut stand, hatte schon sein Vater 1808 erworben. Das Gut auf der anderen Seite des ehemaligen Lehngutes, gehörte 1843 Johann Samuel Nietzold, der es am 28.7.1843 an den Spekulanten Friedrich Christian Fickert aus Grünhain für 7000 Taler verkauft hatte. Für Fickert und Konsorten versprach ein Bauernhof keine guten Geschäfte. Er verkaufte das Gut einen Monat später schon wieder an Adolph Ferdinand Wieland für 9000 Taler. Damit besaß er drei Bauerngüter von 2 1/2 Hufe Größe. Dazu kamen noch 2/3 der Felder des Gutes von Johann Gotthilf Lohse (heute Gelenauer Str. 67) für 2000 Taler. Nun gehörte ihm ca. die Hälfte der Fläche aller Bauerngüter des Oberdorfes und er war hoch verschuldet. Im Jahre 1844 hatte sich Adolph Ferdinand endgültig verspekuliert und es wurde gegen ihn ein erster Prozess wegen nicht gezahlter Schuldzinsen geführt. Sein Besitz wurde zu diesem Zeitpunkt auf 31.000 Taler taxiert und er bekam damit eine höhere Hypothek. Die nächsten drei Jahre konnte er sich damit noch über Wasser halten, dann kam die Zahlungsunfähigkeit. 1847 verkaufte er das Kemtauer Lehngericht. In der Leipziger Zeitung vom 20. Januar 1947 hatte er annonciert: "In der Nähe von Chemnitz stehet Familienverhältnisse halber das Lehngericht Kemtau mit ca. 250 Acker Areal ... schleunigst billig zu verkaufen...". An wen und für wieviel Geld er das Lehngericht verkaufte ist unbekannt. Am 18. Juli 1848 teilte dann das Einsiedel'sche Gericht zu Weißbach in der Leipziger Zeitung die Zwangsversteigerung seines Besitzes Im Wert von 31.193 Talern mit. Der Termin der Versteigerung war der 27. September 1848 um 12 Uhr Mittags. Das Lehngericht gehörte nicht dazu. Zu diesem Zeitpunkt war Adolph Ferdinand Wieland schon verschwunden, "... welcher dem Vernehmen nach in den nordamerikanischen Freistaaten sich übergesiedelt hat ...". (1) Der Erlös der Versteigerung belief sich auf 16.000 Taler.

Auswanderung in die Vereinigten Staaten

Auswandererschiff in Bremerhafen 1850 Quelle: Wikipedia
Auswandererschiff in Bremerhafen 1850 Quelle: Wikipedia

Damals wusste niemand so genau wohin sich der letzte Lehnrichter von Kemtau abgesetzt hatte. Heute gibt es die Möglichkeit, eine Anfrage an die "Deutsche Auswanderer Datenbank" zu stellen, um zu überprüfen, ob Herr Wieland wirklich nach Amerika ausgewandert ist. Die online Recherche ergibt, dass ein Adolphs Ferd. Wieland tatsächlich am 30. September 1848 in New York eintraf. Sein Alter wurde mit 36 Jahre angegeben, sein Beruf war Bauer und sein Herkunftsort hieß "Kentald". Nun muss man beachten, dass alle Einreisenden handschriftlich in eine Liste eingetragen wurden, die dann für die Auswanderer Datenbank abgeschrieben wurde. Da kann schon mal eine Ortsangabe eines kleinen erzgebirgischen Dorfes verfälscht werden. Das Schiff mit dem Adolph Ferdinand in New York ankam, hieß "Lion" und kam aus Bremen, genauer gesagt aus Bremerhaven, dem üblichen deutschen Auswandererhafen. Über die "Lion" gibt es keine näheren Informationen. Es taucht auch in den Jahren vor und nach 1848 nicht als Auswandererschiff auf. Es war mit Sicherheit ein Segelschiff, denn die erstem Dampfschiffe kamen erst nach 1850 auf. Ein solches zeigt die obenstehende Abbildung. Solche Schiffe fuhren dann regelmäßig auf den Auswandererlinien, konnten mehr Passagiere befördern und brauchten weniger Zeit. In diesen Genuss kam Herr Wieland noch nicht. Seine Überfahrt mit dem Segelschiff dauerte bis zu 45 Tagen und im September 1848 fuhren nur drei Schiffe in Bremerhaven ab, er hatte also einige Tage Aufenthalt. Übernachtet wurde in Dachböden und Scheunen der Umgebung, denn das Auswandererhaus in Bremerhaven wurde erst 1850 erbaut. "Hier herrscht eine Schweinewirtschaft, von der sich kein Mensch eine Idee macht!", schrieb eine Prüfungskommission 1847.

Wenn man die Anreise mit der Postkutsche, die ja täglich in Burkhardtsdorf abfuhr, und mehrere Umstiegspausen hinzurechnete, muss Adolph Ferdinand Kemtau schon zum Zeitpunkt der Verkündung der Zwangsversteigerung Kemtau verlassen haben.

Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia

Wie so eine Atlantiküberquerung im Zwischendeck eines Segelschiffes ablief, können wir uns heute kaum noch vorstellen. Die Abbildung zeigt ein solches Zwischendeck, stark beschönigt, von einem Dampfschiff. Realistische Zeichnungen aus einem Segelschiff gibt es nicht. Der Platz auf den Schiffen war begrenzt, für jeweils 4 Passagiere wurde eine Fläche von 1,80 x 1,80 m veranschlagt und wie die Verpflegung sowie die hygienischen Zustände bei einer wochenlangen Fahrt von ca. 250 Passagieren auf so einem Schiff aussahen möchte man gar nicht so genau wissen. Für einen Lehnrichter aus dem schönen Erzgebirge, muss diese Schifffahrt die Hölle gewesen sein. Aber am 30. September tauchte dann doch die Freiheitsstatue auf. Nachdem alle wieder festen Boden unter den Füßen hatten, folgte die Registrierung durch die Einwanderungsbehörde. Adolph Ferdinand erhielt den Einwanderungsvermerk "Verbleib in den USA". Er blieb jedoch nur sechs Jahre im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Im Jahre 1854 tauchte Adolph Ferdinand wieder im Erzgebirge auf. Welche Gründe dazu führten soll nun beleuchtet werden.

Der letzte Lehnrichter in den USA

Diese merkwürdige Anzeige in der Leipziger Zeitung erschien am 25. Februar 1848. Herr Adolph Ferdinand Wieland aus Kemtau befand sich also fünf Monate nach seiner Ankunft in den USA in dem kleinen Ort Wartburg in Tennessee ca. 140 Meilen östlich von Nashville gelegen. Somit hatte Ferdinand 750 Meilen über Land von New York aus zurückgelegt. Dieser Ort Wartburg war erst 1840 von einem George Gerding gegründet worden, der große Landgebiete aufgekauft hatte um eine deutsche Kolonie zu gründen. Eine erste Gruppe von 50 Siedlern erreichte 1845 über New Orleans, den Mississippi hinauf und weiter den Cumberland River entlang nach Nashville bis zu ihrem Ziel. Weitere Siedler wurden in Deutschland und der Schweiz angeworben. Trotz der geringen Landpreise, reichte der Zustrom von Siedlern offenbar nicht aus. 

1847 gelang es einen neuen Partner in Deutschland zu finden. Es war der Schwarzenberger Pastors Friedrich Hermann Behr. Um der Armut im Erzgebirge zu begegnen warb er in Leipzig und Dresden ausreisewillige Familien mit dem Ziel in Wartburg eine Sächsische Kolonie zu gründen. Der Pastor ließ sich Anfang 1847 beurlauben und reiste selbst nach Tennessee. Die "Deutsche Colonie Wartburg in Ost-Tennessee" hatte in Leipzig einen Auswanderungsagenten Johann Ernst Weigel, der für die Anwerbung zuständig war. Er hat später auch die Anzeige im Auftrag von Adolph Ferdinand Wieland aufgegeben.

Das Gerichtsgebäude von Wartburg um 1900
Das Gerichtsgebäude von Wartburg um 1900

Nun muss man erwähnen, dass Herr Wieland einen älteren Bruder hatte, der Kreisamtmann in Schwarzenberg war. Zu ihm hatte er offenbar ein gutes Verhältnis, wie sich später herausstellen sollte. Dieser Bruder Karl Friedrich Adolph Wieland war zweifellos über die Aktivitäten des Pastors Behr in Wartburg Tennessee informiert und wohl seinem Bruder den Rat gegeben in den USA neuanzufangen. Friedrichs Angang war also keine spontane Flucht, sondern schon lange, vielleicht zusammen mit seinem Schwarzenberger Bruder, geplant.

1848 war jedoch die Zeit der organisierten Auswanderungen nach Ost-Tennessee schon vorbei und nur noch vereinzelte Nachzügler, zu denen auch Herr Wieland gehörte, trafen im Morgan County mit dem Ort Wartburg ein. Dazu kam, dass sich der Ruf dieser Kolonie verschlechterte. 

Im März 1848 schrieb eine deutschsprachige Zeitung in New York: "… das Morgan County ist das Zuchthaus von Tennessee" und weiter "… die Bevölkerung besteht aus entflohenen Kriminellen… man sollte beim Passieren dieses Teils von Tennessee bis an die Zähne bewaffnet sein." Durch die Zustände waren die Anwerber von Auswanderern gezwungen die Bedingungen für die Aufnahme zu verschärfen. Am 30. Dezember 1848 schrieb die Leipziger Zeitung "Die deutsche Niederlassung in Ost-Tennessee soll nur aus rechtlichen und achtbaren Leuten bestehen, deren künftiges Schicksal und Wohlergehen die größte Sorge der Gesellschaft sein wird. Es wird niemand in die Colonie aufgenommen, der bei seiner Anmeldung hier ein von dem Geistlichen seines Ortes ausgestelltes Zeugnis guten und gesitteten Lebenswandels nicht beibringen und sich als brav und fleißig nicht ausweisen kann." Als Begründung wurde angegeben: "Die schlechte Aufführung mehrerer dorthin gekommener Einwanderer, die weder das vorgeblich besitzende Capital zum Landankauf aus Europa erhielten, noch etwas arbeiten wollten, sondern umsonst gefüttert werden mussten und nur mit großen Kosten wieder entfernt werden konnten … sind der Grund, dass die oben aufgestellten Bedingungen ohne Ausnahme auf das Strengste von nun an durch geführt werden."

Zu diesem Zeitpunkt war Adolph Friedrich Wieland vermutlich gerade erst in Wartburg eingetroffen. Pastor Hermann Behr hate zuvor Wartburg frustriert verlassen. Auf der Rückreise nach Schwarzenberg starb er am 13. Dezember 1848 in New York an Cholera.

Beispiel eines sächsischen Postscheins
Beispiel eines sächsischen Postscheins

Nun zur finanziellen Seite der oben aufgeführten Anzeige in der Leipziger Zeitung. Es geht um 1400 Taler, die Herr Wieland einen Beauftragten anvertraut hatte um, nach seiner Ankunft am Zielort in den USA, ihm das Geld auf sicherem Wege per Post nachzusenden. Die erste Frage ist nun woher hatte er das Geld? Da er hoch verschuldet und zahlungsunfähig war, kann es nur aus dem Verkauf des Lehngerichts stammen. Diesen hatte er Anfang 1847 veranlasst. Begann schon zu diesem Zeitpunkt die Planung seiner Ausreise? Nach seiner Ankunft in Wartburg muss er diesen Beauftragten angeschrieben haben um ihm seine neue Adresse mitzuteilen. Telegrafieren ging damals noch nicht den das Überseekabel war noch nicht verlegt. Dieser Beauftragte müsste das Geld auf einem Postamt eingezahlt haben und erhielt dafür einen Postschein. Diesen hat er per Post an Herrn Wieland geschickt. Das Geld ist jedoch nicht angekommen. Hatte also der Beauftragte den Schein gefälscht und sich mit dem Geld abgesetzt? Herr Wieland scheint ihn nicht mehr unter seiner Adresse erreicht zu haben. Nur so ist der Text dieser Anzeige erklärbar. Wer war dieser Beauftragte? Sicher nicht sein Bruder in Schwarzenberg, den hätte er direkt kontaktieren können. Also war es vermutlich ein alter Geschäftspartner. Dass er seinen Namen nicht nennen wollte deutet darauf hin, dass dieses Geld nicht ganz legal beiseite geschafft wurde. Unter diesen Umständen dürfte Adolph Friedrich Wieland seine 1400 Taler nicht wiedergesehen haben.

Wartburg heute
Wartburg heute

Er saß also mittellos in Wartburg Tennessee fest und musste sich mit Arbeit seinen Unterhalt und das Geld für die Rückfahrt verdienen. Außerdem musste er etwas Gras über seine Insolvenz im Erzgebirge wachsen lassen um ungestraft zurück zu können. Arbeit gab es in Wartburg sicher genug, aber gezahlt wurde sicher nicht viel. So ist es nicht verwunderlich, dass er erst 1854 wieder in seiner Heimat auftauchte.

Wie es in Kemtau weiter ging

bDie Auswanderer Datenbank enthielt keine weiteren Datensätze von Adolph Ferdinand Wielands Familie. Er ließ also seine Frau Auguste Friedericke und seinen damals 7 Jahre alten Sohn Carl Emil Ottmar in Kemtau zurück. Sein Vater Johann Adolph Wieland zog nach der Zwangsversteigerung 1848 nach Zöblitz, wo zwei seiner Söhne lebten. Er wohnte im Haus seines zweiten Sohnes Friedrich Wilhelm, der in Zöblitz 1839 das ehemalige Lehngutsgebäude erworben hatte. Im Haus wohnte auch dessen Frau Johanna Christiana, eine alte Bekannte aus Kemtau, die Tochter des Landfuhrmann's Carl Friedrich Uhlig vom Uhliggut. Adolph Ferdinand Wielands Vater wurde 82 Jahre alt und starb 1855 in Zöblitz. 

Auch die verlassene Schwiegertochter Auguste Friedericke und ihr Sohn Carl Emil Ottmar folgten ihm nach Zöblitz. Friedericke standen jedoch schwere Jahre bevor, so stand in der Leipziger Zeitung: "Nachdem von uns für die wahnsinnige Auguste Friedericke verehelichte Wieland aus Kemtau, derzeit in der Irrenanstalt zu Sonnenstein untergebracht, der Kirschnermeister Albrecht Hänel in Chemnitz als Zustandsvormund bestätigt worden ist, so wird Obervormundschaftswegen solches zur Nachricht bekannt gemacht. Dittersdorf, den 3. August 1854." Diese Irrenanstalt bei Pirna hieß offiziell „Königlich Sächsische Heil- und Verpflegungsanstalt Sonnenstein“ und hatte einen herausragenden Ruf in Europa und darüber hinaus, bis in die USA wurden Konzept und Erfolg des Sonnensteins getragen. Sie starb 1857, nach 2 Jahren Aufenthalt in der Versorgungsanstalt zu Hubertusburg. Nicht aus Gram, sondern an einer unheilbaren Krankheit, "eine knöcherne Masse war in ihr Gehirn eingewachsen"  (1). Friedericke wurde 43 Jahre alt. Ihr Sohn wurde Direktor der Serpentinsteinwerke Wieland & Co. in Zöblitz. Das Zöblitzer Serpentin war weltberühmt.

Adolph Ferdinand Wielands Neustart 1854

Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten ließ sich Adolph Ferdinand Wieland in Schwarzenberg nieder. Er verdiente sein Geld als Depositen- und Sportelnkontrolleuer, er zog also das Entgelt ein, das Untertanen für gerichtliche Handlungen oder sonstige Amtshandlungen zu entrichten hatten. Diesen lukrativen Posten verschaffte ihm zweifellos sein ältester Bruder Karl Friedrich Adolph, der ja Kreisamtmann in Schwarzenberg war.

Nach dem frühen Tod seiner Ehefrau Auguste Friedericke im März 1857 war der Weg frei für eine zweite Ehe. Er heiratete noch im gleichen Jahr Christiane Marie Günther. Sie war die Tochter eines Schwarzenberger Zinn- und Waffenschmieds. Mit ihr hatte Adolph Ferdinand zwei Söhne und eine Tochter. Gestorben und beerdigt ist der letzte Lehnrichter von Kemtau in Waldheim Im Jahre 1873. Er wurde 61 Jahre alt.

Quellen

(1) Zeitschrift für Mitteldeutsche Familiengeschichte / Die Lehnrichterfamilie Wieland in Kemtau (Erzgebirge), Roland Kunick, 2/2012 

(2) Die Landgemeindeordnung des Königreichs Sachsen, Leipzig 1839